Neun Tage, elf Design Districts und eine ganze Stadt als Ausstellungsfläche: Beim London Design Festival 2026 trafen neue Materialien auf altes Handwerk, KI auf Handarbeit und spektakuläre Installationen auf erstaunlich pragmatische Fragen. Vor allem eine davon dürfte Einrichter noch länger beschäftigen: Woraus und wie wollen wir künftig gestalten?

Vom 12. bis 20. September wurde London zum 24. Mal zur Bühne für Design. Anders als klassische Möbelmessen funktioniert das London Design Festival dabei bekanntlich dezentral: Museen, Showrooms, Galerien, ehemalige Industriegebäude und öffentliche Räume werden Teil des Programms. 2026 verteilte es sich auf elf Design Districts, darunter Brompton, Bankside, Chelsea, Mayfair und erstmals Soho.

Wer sich durch dieses ziemlich weit verzweigte Programm bewegte, stieß immer wieder auf dieselben Fragen. Welche Rolle spielt Handwerk in einer zunehmend digitalisierten Gestaltung? Wie lassen sich vorhandene Materialien sinnvoll weiterverwenden? Und was passiert, wenn KI nicht nur Bilder generiert, sondern tatsächlich Teil von Entwurfs- und Produktionsprozessen wird?

Handwerk trifft Hightech

Parallel dazu erlebte klassisches Handwerk in London keineswegs einen nostalgischen Rückzug ins Analoge. Eher das Gegenteil: Besonders spannend waren Projekte, bei denen traditionelle Techniken mit zeitgenössischer Gestaltung und Technologie zusammengebracht wurden. Ein gutes Beispiel lieferte das Craft x Tech Tokai Project im Victoria and Albert Museum. Für die zweite Ausgabe des Formats arbeiteten sechs internationale Designer mit sechs Handwerksmeistern aus der japanischen Tokai-Region zusammen.  Zum Einsatz kamen traditionelle Techniken und Materialien von Textilien über Holz bis zu regionalen Handwerksverfahren – mit dem erklärten Ziel, nicht historische Formen zu reproduzieren, sondern aus dem vorhandenen Wissen neue Objekte zu entwickeln. Dieses Nebeneinander von Handarbeit und Technologie zog sich auffällig konsequent durch das Festival. Die beiden Begriffe wurden kaum noch als Gegensätze inszeniert.

Und was macht die KI im Raum?

Im V&A wurde die Sache grundsätzlicher. Unter dem Titel „Awakenings“ beschäftigte sich das diesjährige Festivalprogramm des Museums unter anderem mit den Auswirkungen künstlicher Intelligenz auf Gestaltung, Materialität, Arbeit und Wahrnehmung. Statt KI lediglich als neues Entwurfstool zu feiern, ließen die Kuratoren Carrie Chan und Kristian Volsing unterschiedliche Positionen zu. Arbeiten von Aziza Kadyri, Eunjo Lee oder Nina Davies untersuchten unter anderem das Verhältnis von KI und Handwerk sowie die Rolle menschlicher Arbeit in einer zunehmend automatisierten Welt. Für die Innenraumbranche ist das relevant: Die Diskussion verschiebt sich damit vom schnellen Rendering zunehmend hin zu der Frage, welchen Einfluss digitale Werkzeuge tatsächlich auf Entwurfsprozesse und materielle Gestaltung haben.

Aziza Kadyri

Alte Architektur, neue Möbel

Dass man für neue Gestaltung nicht zwingend bei null anfangen muss, zeigte sich auch an anderer Stelle. Made nahm sich ausgerechnet einen der großen Londoner Architekturklassiker vor: das Barbican.

Für Made x Barbican entstand eine 23-teilige Kollektion aus Möbeln, Leuchten, Textilien und Accessoires, deren Ausgangspunkt die Architektur und ursprüngliche Innenausstattung des brutalistischen Ensembles war. Entwickelt wurde sie auf Basis von Archivrecherchen und den historischen Wohnkonzepten des Barbican. Präsentiert wurde die Kollektion dort, wo ihre Geschichte begann – im Barbican Centre selbst.

Made x Barbican

Auch andernorts spielte der Umgang mit Bestand eine große Rolle. Im Ham House aus dem 17. Jahrhundert reagierten Absolventen des MA Product and Furniture Design der Kingston University mit neuen Objekten auf historische Räume und Sammlungen. Statt Alt und Neu sauber voneinander zu trennen, wurden vorhandene Innenräume zum Ausgangspunkt neuer Entwürfe.

Perfekt muss hier gar nichts sein

Im Brompton Design District brachte Kurator Alex Tieghi-Walker diese Entwicklung schließlich unter einem passenden Titel zusammen: „Perfectly Imperfect“.

Alex Tieghi-Walker

Mehr als 150 Teilnehmer beschäftigten sich hier unter anderem mit Handwerk, persönlichen Beziehungen zu Dingen und unfertigen beziehungsweise experimentellen Prozessen. Gleichzeitig nutzten etablierte Marken wie Molteni&C, Cassina und Tai Ping ihre Showrooms im Viertel für Neuheiten. Damit fasste Brompton ziemlich gut zusammen, was beim London Design Festival 2026 insgesamt zu beobachten war: Material darf seine Herkunft zeigen, Handwerk muss nicht perfekt aussehen und Technologie ist dann besonders interessant, wenn sie nicht zum Selbstzweck wird.

Stoff für die neue Saison

Deutlich näher am klassischen Tagesgeschäft der Einrichtungsbranche wurde es im Design Centre Chelsea Harbour. Parallel zum London Design Festival brachte die Focus/26 on Design vom 14. bis 18. September mehr als 140 Showrooms, über 700 vertretene Marken und zusätzlich mehr als 30 temporäre „House Guests“ zusammen. Gerade für Raumausstatter und Einrichter lag hier einer der praktischsten Stopps der Londoner Designwoche: Von Pierre Frey, Rubelli, Romo, Zimmer + Rohde und Osborne & Little über Arte, Morris & Co. und Sanderson bis zu The Rug Company, Jaipur Rugs und Stark Carpet reicht das Spektrum von Stoffen und Tapeten über Teppiche bis zu Möbeln, Leuchten und Beschlägen. Im Mittelpunkt standen die Herbstneuheiten der Marken, begleitet von mehr als 100 Veranstaltungen in den Showrooms sowie Talks, Masterclasses und Workshops. Interessant war dabei vor allem die Nähe von Produkt und Praxis: Bei Formaten zu maßgefertigten Wandbekleidungen, Material- und Fertigungstechniken oder handwerklichen Prozessen ging es nicht nur darum, was neu ist, sondern auch darum, wie sich Oberflächen und Materialien konkret im Interior einsetzen lassen.

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